Albert Steiner gehört zu den herausragenden Schweizer Fotografen des 20. Jahrhunderts. Seine Landschaftsfotografien aus dem Engadin sind auch im internationalen Vergleich einzigartig. Sie haben die Wahrnehmung der Schweiz als Alpenland von zeitloser Schönheit wesentlich mitgeprägt. Inspiriert von Malern wie Giovanni Segantini und Ferdinand Hodler schuf Steiner Bilder, die nicht nur höchsten handwerklichen und technischen Ansprüchen genügen, auch ihre ästhetischen Qualitäten sind beeindruckend. In Albert Steiners fotografischem Werk spannt sich der Bogen von den piktorialistisch inspirierten, wie Gemälde wirkenden Bildern aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zu den sachlichen, modern anmutenden Fotografien um 1930. Wie kaum ein anderer Schweizer Fotograf seiner Generation fühlte sich Albert Steiner in erster Linie als Künstler. Und im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen war es für ihn selbstverständlich, dass sich die Fotografie dazu eignet, Kunstwerke zu schaffen. Nicht zuletzt darauf beruht die Aktualität seines Werkes.

Unter den zahlreichen Fotografen, die sich der alpinen Landschaft gewidmet haben, nimmt Albert Steiner (1877–1965) eine Sonderstellung ein. Ausgebildet in den renommierten Ateliers von Jean Moeglé (Thun) und Frédéric Boissonas (Genf), inspiriert von Malern wie Giovanni Segantini und Ferdinand Hodler gelang es ihm, sein eigenes Staunen über die unberührte Bergwelt in traumhaft schöne Bilder zu übersetzen. Während 46 Jahren lebte und arbeitete Steiner im Engadin. Hier fand er jene paradiesische Urlandschaft, die seiner Sehnsucht entsprach. Steiners Landschaftsbilder sind Metaphern einer tiefen Naturverehrung, einer unermüdlichen Suche nach zeitlosen Werten und universellen Wahrheiten – sorgfältig aufgebaute, lichtdurchflutete und spektakuläre Szenerien, die mitunter die Erfahrung menschlicher Nichtgkeit zum Ausdruck bringen.

Zwischen 1910 und 1930 erreichte Albert Steiners Schaffen seine volle Blüte. In diesen zwei Jahrzehnten setzten sich in der fotografischen Avantgarde neue Auffassungen über das Wesen und die Möglichkeiten der Fotografie durch. Der Piktorialismus, der mit malerischen Effekten, weichen Konturen und Tonungen sowie mit romantischen Motiven die Fotografie zu veredeln versucht hatte, geriet immer mehr in Verruf. Die Vertreter der Moderne propagierten eine Bildsprache, die auf Direktheit, Sachlichkeit, klaren Formen und strengen Kompositionen beruhte. Gestochen scharfe, neutral graue und möglichst unbearbeitete Hochglanzabzüge verdrängten um 1930 allmählich die Edeldrucke auf Mattpapier und farbigen Unterlagen.

Der Wandel von der alten zur neuen Fotografie spiegelt sich deutlich in Steiners Werk. Viele seiner früheren Aufnahmen orientieren sich an piktorialistischen Techniken und Bildauffassungen, und auch in späteren Jahren produzierte er gemäldeähnliche Vergrösserungen. Daneben zeichnen sich Steiners Fotografien aber immer wieder durch prägnanten Bildaufbau, Interesse an Oberflächen und Strukturen oder durch einfache und direkte Darstellung des Gesehenen aus. In dieser Hinsicht ist Albert Steiner auch der Moderne verpflichtet. Das zeigt sich nirgends deutlicher als in den sogenannten Kontaktabzügen, welche die volle Bildinformation der Glasnegative (18x24 cm) im Massstab 1:1 wiedergeben. Diese bilden nicht nur den Grundstock seines Archivs, sondern auch die Vorlagen für Reproduktionen in zeitgenössischen Zeitschriften und Büchern – so etwa für Steiners Werk Schnee Winter Sonne (1930). Es ist das erste reine Fotobuch der Schweiz, das einer modernen Auffassung von Fotografie entspricht. Vergleichbar dem ungleich berühmteren Die Welt ist schön (1928) von Albert Renger-Patzsch, einem Klassiker der Neuen Sachlichkeit.

Steiners intensive, ja fast obsessive Beschäftigung mit der Bergwelt entspringt einer eigenständigen künstlerischen Vision. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen war es für ihn selbstverständlich, dass sich die Fotografie dazu eignet, Kunstwerke zu schaffen – Kunstwerke, die nicht nur die Wirklichkeit dokumentieren, sondern auch Seelenzustände und eine innere Haltung widerspiegeln. So gesehen gibt es in Steiners Werk auch Parallelen zu heutigen künstlerischen Tendenzen und dem wieder erwachten Interesse am Schönen.