Zündholz-Fabrikation

Text von Fritz und Hanspeter Bach, gekürzte Fassung aus dem Frutigbuch

Im Berner Oberland wurde die Zündholzindustrie von den Glarnern Streit und Legier eingeführt, die in Interlaken und Unterseen die ersten Werkstätten einrichteten. Von hier gelangte sie nach Frutigen, wo die Einführung eines neuen Gewerbes besonders notwendig erschien, da die Herstellung des Frutigtuchs infolge der billigen ausländischen Ware lahmgelegt worden war. Die erste Fabrik errichtete 1850 Landseckelmeister Friedrich Schneider in Frutigen. Seinem Beispiel folgten in kurzen Abständen eine bedeutende Zahl von einheimischen und zugewanderten Fabrikanten.

1865 werden im Amt Frutigen folgende Betriebe erwähnt:
Zuendholz-Tabelle 1

Die Zündhölzer (Holzdraht ohne Zündmasse) wurden anfänglich mit dem Messer geschnitzt, später gehobelt. Man wählte ein weiches Tannenholz und rüstete Bünde von mehrfacher Länge des Streichholzes. Ein solcher Bund wurde in die Hobelbank eingeschraubt und sodann Hölzchen für Hölzchen mit dem Hobel abgestossen. Kinder konnten beim Abnehmen behilflich sein. Später besorgte die Holzdrahtmaschine diese Arbeit viel rascher, und schliesslich war es vorteilhafter, den fertigen Holzdraht aus dem Ausland zu beziehen. Während des Ersten Weltkrieges, als die Einfuhr unterbunden war, verwendete man das Holz der Weymouthskiefer.

Die Bündel, in zehnfache Länge geschnitten, wurden Luft und Sonne ausgesetzt, dann im Ofen gedörrt, von der Schneidmaschine zugeschnitten und in Rahmen eingelegt, vorgewärmt und geschwefelt. Das Tunken besorgte eine Walze, die sich in einem mit der Zündmasse angefüllten Kübel drehte. Man verwendete Leim, Stärkekleister, Kreide und als Zündstoff Phosphor und Salpeter. Nachdem die Hölzchen getrocknet waren, nahmen sie die Füllerinnen aus dem Rahmen und verpackten sie in Schachteln.

Diese mannigfaltigen Verrichtungen besorgte später die moderne Komplettmaschine allein. Nachdem in Kanderbrück seit 1914 einige Jahre lang eine solche von Ing. Gsell in Zürich verwendet worden war, konstruierte J. Brügger, Mechanische Werkstätte, Vordorf, Frutigen, ein neues System, das ausgezeichnet arbeitete (Tagesproduktion 150'000 Schachteln). Die rohen Hölzer wurden eingesetzt, von der Maschine erfasst und in gelochte Stäbe gestossen, die in einer Bahn über eine Vorwärmeplatte vorrückten. Nachdem sie in heisses Paraffin getaucht worden waren, erreichten sie den Tunktisch, wo Stab um Stab mit der Zündmasse versehen wurde. Während 45 bis 60 Minuten wanderten nun die Hölzchen zum Trocknen hin und her und wurden schliesslich von einem Nadelblock hinausgestossen und in Blechkasten abgefüllt. Nach einem eintägigen Aufenthalt im Tröckneraum besorgte eine Maschine das Einfüllen in die Schachteln, die selbstverständlich auch maschinell hergestellt wurden. Es wurde dazu vorzugsweise das Holz der Pappel verwendet.

Das Trücklen


Früher geschah die Herstellung der Schachteln durchwegs als Heimarbeit. Das Holz einer schönen Rottanne (manche Familie brauchte jährlich zwei bis drei Stämme) wurde in grossen Spalten nach Hause gebracht und dort in Bretter von 40 bis 60 cm geschnitten. Der Arbeiter legte das Holz in richtiger Breite (4 bis 6 cm) auf einer kleinen Hobelbank zurecht und spänte es mit einem Hobel ab. Kinder nahmen die Späne ab und legten etwa fünfzig zu einem Bund zusammen. Ein solcher Bund langer, dünner Späne wurde auf dem Schneidstuhl in die richtige Länge geschnitten und «gstägelet», das heisst mit einem Abstand von etwa 1 cm in Reihen geschichtet.

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Auf einem Tischchen standen Formen (Model) bereit für die Schachteln und die Deckel, um welche die Späne gelegt wurden, nachdem man sie mit Mehlpappe, vermischt mit Leim, bestrichen hatte. Eine hölzerne Kluppe (Klammer) hielt die Schachtel fest, bis sie nach einigen Stunden auf dem Schieferofen oder an der Sonne getrocknet war. Kinderarbeit war es wieder, die ausgestanzten Böden in die Schachtel zu schieben (das «Bödelen»). Als letzte Verrichtung folgte das Färben, wozu eine Art Rotocker, mit Kölnerleim und etwas Sand vermischt, verwendet wurde. Drei «Chübeni» (kleine ovale Schächtelchen) wurden zwischen die Finger gepresst und deren Deckel und Böden mit einem Pinselchen bestrichen, so dass sie festgeleimt waren und zugleich eine Reibfläche zum Entzünden entstand.

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Die fertigen Spanschachteln wurden in Säcke verpackt, die zwei- bis dreitausend Stück fassten, auf die «Donschtighutte» gebunden und in die Fabriken gebracht. Tausend Stück galten 70 Rp., ausnahmsweise Fr. 1.80 bis 2.— (ins Wallis geliefert); in den Siebzigerjahren wurden 45 bis 50 Rp. bezahlt, wenn die Fabrik die Späne lieferte, 90 Rappen bis Fr. 1.—, wenn der Heimarbeiter eigenes Holz verwendete. Eine Person hätte schon sehr geschickt sein müssen, um in einem Tag tausend Stück anzufertigen und also einen Verdienst von 70 Rp. zu erzielen.

Was konnte man in den Sechzigerjahren für 70 Rp. kaufen? Eine Melchter galt 70 bis 80 Rp., ein kleineres Milchgeschirr 35 Rp., ein Pfund magerer Käse 30 bis 35 Rp., besserer Käse 80 Rp. bis Fr. 1.—. Der Taglohn der Kinder betrug oft nur 10 Rp. bis Fr. 2.— in der Woche.

Diese Löhne waren auch für jene genügsame Zeit sehr karg, erschienen aber dem kleinen Landwirt besonders willkommen, der auf zu kleinem oder verschuldetem Gütchen sein Auskommen nicht finden konnte. Allerdings erhielten die Leute das Geld nicht bar ausbezahlt, sondern waren gezwungen, ihr Guthaben im Verkaufsladen des Fabrikanten in Waren umrechnen zu lassen. Sehr oft bekamen sie nicht einmal die gewünschten Lebensmittel, sondern mussten etwa Reisbesen oder Ammermehl in Kauf nehmen. In den Spissen, so wird erzählt, seien sogar die Leintücher gestärkt worden, um der Überfülle des Ammermehls abzukommen, das übrigens aus verseuchten Kartoffeln leicht selbst hätte hergestellt werden können. Am vierzehntägigen Zahltag erhielten die Heimarbeiter nur selten einige Rappen ausbezahlt, blieben viel öfter noch dem Fabrikanten schuldig, wenn sie den Bedarf an Lebensmitteln für ihre Familie decken wollten.

1894 waren im Amt laut Erhebung des Regierungsstatthalters noch 1160 Personen (200 Familien) mit der Anfertigung von Spanschachteln für die Zündholzbetriebe beschäftigt. Nationalrat Bühler schätzte den Verdienst einer Familie auf Fr. 500.— bis 1000.— im Jahr. Tausend Schachteln galten damals Fr. 4.50, in Zürich Fr. 6.—, weshalb viele Frutiger Heimarbeiter für die Zürcher Fabrikanten arbeiteten.

Die Arbeit in den Fabriken


1886 betrugen die Tagesverdienste in den Fabriken für

Handeinleger Fr. —.60 bis 1.20
Maschineneinleger Fr. 3.75 bis 4.15
Tunker und Schwefler Fr. 2.— bis 3.—
Gehilfen Fr. 1.—bis 1.30
Füller Fr. —.75 bis 2.—
Packer Fr. 1.50 bis 1.80

Bis 1875 stieg die Zahl der «Fabriken» auf zwanzig; 1891 waren es sechzehn mit folgender Inventar Schätzung:
Zuendholz-Tabelle 2

Die Arbeitszeit in den Fabriken betrug 13 bis 14 Stunden. Männerarbeit war die Herstellung des Holzdrahts und der Späne, das Tunken und die Verpackung der fertigen Schachteln; alle übrigen Verrichtungen besorgten Frauen und Kinder. Zu Hause wurden die Kinder schon vom dritten Lebensjahr an für kleine Hilfsarbeiten verwendet. Eine Erhebung von 1868/69 ergab, dass in elf Fabriken des Amts insgesamt 187 Kinder arbeiteten, wovon 20 unter 10 Jahren und 46 von 10 bis 12 Jahren. Ihre Arbeitszeit betrug laut dieser Statistik in einer Fabrik nur 2 Stunden, in drei Fabriken 4 bis 6 Stunden, in den übrigen 7 bis 11 Stunden täglich. In Wirklichkeit jedoch arbeiteten sie beinahe ebenso lange wie die Erwachsenen. Sie begannen ihr Tagwerk vor der Schule und ersetzten zuweilen die durch den Unterricht «versäumte» Zeit abends bis zehn und elf Uhr. Wenn auch geglaubt werden darf, dass die Heimarbeit den Kindern nicht geschadet habe, wenn sie auf ein vernünftiges Mass beschränkt blieb, so bedeutete anderseits die Fabrikarbeit ohne Zweifel eine schwere Gefahr für die Jugend. Die Beschäftigung in unhygienischen Räumen musste die Kinder vor allem körperlich schwer schädigen und ihre geistige Entwicklung hemmen, brachte aber auch in sittlicher Beziehung Folgeerscheinungen mit sich, denen weder die Schule noch der kirchliche Religionsunterricht gewachsen waren.

Landseckelmeister Schneider hatte die Zündholzindustrie in Frutigen eingeführt, um durch eine neue Beschäftigung die Armut zu bekämpfen. Leider trat aber der erhoffte Erfolg nicht ein, sondern eher eine erhöhte Bedürftigkeit. Die Arbeit mit dem giftigen Phosphor brachte eine tückische Krankheit mit sich: die Phosphornekrose. (Nekrose nennt der Arzt das Absterben von Geweben oder Körperteilen.) Dr. Schaeren in Frutigen stellte jährlich fünf bis sechs Erkrankungen fest. Professor Kocher erwähnt in seinem Bericht an die Direktion des Innern 55 Fälle aus unserem Amt, die er zum Teil selbst chirurgisch behandelt hatte oder die ihm geschildert worden waren. Er vermutete jedoch, es sei wohl seit Beginn der Industrie die doppelte Zahl der Krankheitsfälle anzunehmen. Der giftigen Einwirkung der Phosphordämpfe waren besonders die Tunker und die Füllerinnen ausgesetzt. Einsichtige Fabrikanten beschäftigten als Tunker besser gestellte Leute, die gut ernährt und an Reinlichkeit gewöhnt waren, so dass sie der Vergiftung gegenüber viel widerstandsfähiger waren. Die grösste Zahl der Erkrankungen erfasste die Füllerinnen.

Schlechte Ernährung, Blutarmut, Organleiden und namentlich mangelhafter Zustand der Zähne leisteten dem Leiden grossen Vorschub. Die Nekrose meldete sich durch Zahnschmerzen, Eiterungen, ekelhaften Geruch aus dem Mund und schliesslich durch Erkrankung eines Kiefers, der so zerstört wurde, dass er in Teilstücken zuweilen vom Patienten selber, öfter durch ärztlichen Eingriff, entfernt werden konnte. Die Operation hatte eine Entstellung des Gesichts zur Folge, sowie eine Erschwerung des Kauens und oft auch des Sprechens. Bei Vernachlässigung der Krankheit griffen Eiterung und Entzündung auch auf die andern Schädelknochen über, was den Tod des Patienten herbeiführte.

Briefbogen_Fabrik_Kanderbrueck

Da bei gesunden Zähnen keine Phosphornekrose festzustellen war, wurde sehr richtig verordnet, es seien nur Leute mit gesundem Gebiss zu beschäftigen. Dies liess sich für die Tunker durchführen, nicht aber für die Füllerinnen, die alle schadhafte Gebisse aufwiesen und ausserdem von Haus aus nichts von richtiger Zahnpflege wussten. Allen Ermahnungen zu grösserer Reinlichkeit setzten sie eine stumpfe Gleichgültigkeit entgegen.

Aber auch bei vielen Fabrikanten stiess die Bekämpfung der Krankheit auf Schwierigkeiten. Ihnen fehlten anfangs durchwegs die technischen Kenntnisse. Sie rekrutierten sich aus allen möglichen Berufen und wurden nicht dazu angehalten, ihre Fähigkeit auszuweisen. Sie verwendeten beispielsweise eine Zündmasse von 15 bis 30 % Phosphorgehalt, um die Entzündbarkeit der Streichhölzer zu erhöhen, während 10 % vollauf genügt hätten, wenn ein gutes Bindemittel (Gummi oder Dextrin statt Leim) gewählt worden wäre. Durch eine solche Übermenge von Phosphor stieg natürlich auch die Gefährlichkeit der giftigen Dämpfe. Das Mischen der Masse erfolgte statt in geschlossenen, in offenen Töpfen, mancherorts auf dem Kochherd der Küche, während die übrigen Arbeiten in den Wohnräumen verrichtet wurden. Die Grosszahl der «Fabrikanten» hatten kein Kapital zur Verfügung, um genügend eingerichtete Fabrikräume zu erstellen. Wascheinrichtungen, gute Beleuchtung und Lüftung fehlten. Die Füllerinnen, welche die kaum getrockneten Zündhölzer einlegten, arbeiteten in einem dichten Phosphorqualm, der besonders im Winter, wenn der Heizung wegen die Fenster geschlossen blieben, unerträglich werden musste.

1861 verlangte eine Frutiger Amtsversammlung, es sei aus gesundheitlichen Rücksichten eine amtliche Untersuchung der Zündholzfabriken durchzuführen, da die Erfahrung genügend traurige Beispiele geliefert habe, dass die gegenwärtigen baulichen Einrichtungen, namentlich wie der Phosphor verarbeitet zu werden pflege, äusserst schädlich auf die Gesundheit einwirke. Eine weitere Amtsversammlung forderte 1864 dringend ein Fabrikgesetz. Endlich wurden in einer Verordnung (15. Dezember 1865) eine Reihe notwendiger Vorschriften erlassen; es wurde ihnen aber sehr mangelhaft oder gar nicht nachgelebt.

Ein baulicher und ärztlicher Bericht von 1872 führt aus: «Aufgabe des Staates ist es, dem drohenden Übel zu wehren, dass dieser traurige Erwerbszweig nicht die physische (körperliche) Entartung des jüngeren Nachwuchses nach sich ziehe und damit der Landschaft Frutigen ihre ohnehin schon grosse Armenlast verdopple und verdreifache, ihr Geschlecht entarten mache. Kann bei diesen Anforderungen des öffentlichen Wohles die Zündhölzchenfabrikation nicht bestehen, so ist es besser, sie gehe zugrunde, als dass an ihr die Landschaft Frutigen zugrunde gehe.»

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Das erste eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 setzte die Arbeitszeit auf elf Stunden herab und verpflichtete die Fabrikanten, durch zweckmässige Einrichtungen Gesundheit und Leben der Arbeiter bestmöglich zu sichern. Die Verhältnisse in Frutigen wurden aber nicht auf einen Schlag besser, und selbst die Arbeiter wollten nicht einsehen, dass die Anordnungen der Fabrikinspektoren zu ihrem Vorteil waren. Der Ortspolizist, der die Befolgung der getroffenen Verfügungen hätte überwachen sollen, passte am Dorfeingang auf, um beim Auftauchen des Fabrikinspektors die Fabrikanten schleunigst warnen zu können!

Eine gründliche Bekämpfung der verheerenden Phosphornekrose konnte nur ein Phosphorverbot erreichen, das durch Bundesgesetz vom 23. Dezember 1879 endlich erlassen wurde. Die Bundeszündhölzchen (allumettes féderales) fanden aber nicht Anklang, so dass die Fabrikanten ermuntert wurden, heimlicherweise mit der Herstellung der Phosphorzündhölzer fortzufahren. Begreiflicherweise nahm die Nekrose zu, da die Nachtarbeit in versteckten Räumlichkeiten einer sorgfältigen Behandlung des Giftstoffes nicht förderlich war. Da aus dem Ausland massenhaft Phosphorhölzchen eingeschmuggelt wurden und die Übertretung des Gesetzes im Inland nur mangelhaft gebüsst werden konnte, machte der Nationalrat den unhaltbaren Zuständen ein Ende, indem er auf Antrag von Scherz (siehe auch Spalte rechts) das Gesetz 1882 aufhob.

Die Einführung des Bundesmonopols, das zur Stilllegung der kleineren Betriebe geführt hätte, wurde vom Volk am 29. September 1895 abgelehnt. Erst das Bundesgesetz vom 2. November 1898, das alle Zündholzfabriken unter Kontrolle des Bundes stellte und die Möglichkeit brachte, die Einfuhr und Verarbeitung von Phosphor zu verbieten, gebot der Krankheit endgültig halt. An einer Konferenz (26. September 1906) verpflichteten sich sieben europäische Staaten, auf ihrem Gebiet Zündhölzer mit gelbem Phosphor zu verbieten. Dem Abkommen traten nach und nach eine Menge anderer Länder bei.

In Frutigen unternahmen es zuerst die Fabrikanten Kambly und Moser, statt der noch immer wenig beliebten Sicherheitszündhölzer nach einem französischen Rezept überall entzündbare Streichhölzer herzustellen, wobei sie das giftfreie Phosphoresquisulfit verwendeten.
Die geringen Löhne, die ausbezahlt werden konnten und die kleinen Gewinne, welche die Fabrikanten erzielten, waren vor allem ihrem mangelnden Gemeinsinn zuzuschreiben. In den Fünfzigerjahren unterboten sie einander die Preise so sehr, dass sie zeitweise unter dem Gestehungspreise verkaufen mussten.

1862 entstand der erste Verein schweizerischer Zündholzfabrikanten mit 32 Mitgliedern. Die Frutiger Fabrikanten bildeten mit Wimmis die Westsektion. Ihre tägliche Produktion wurde auf 215 Kisten beschränkt und der Verkauf der Firma Gebrüder Reichenbach und von Lerber in Gstaad übertragen. Die Rohstoffe wurden gemeinsam eingekauft und die Preise einheitlich geregelt. Leider steigerte der Verband den Preis einer Kiste gleich um volle 75 % (Fr. 8.50), so dass Aussenseiter mit niedrigen Preisen begünstigt waren und einzelne Verbandsmitglieder der Versuchung erlagen, mehr als die zugebilligte Warenmenge herzustellen und unter der Hand billiger zu verkaufen. In einem Streitfall entschied das Obergericht, die Tätigkeit des Verbandes stehe in Widerspruch mit der Gewerbefreiheit und er sei daher aufzulösen.

Öftere Versuche einsichtiger Fabrikanten, sich zu vereinigen, um annehmbare Absatzverhältnisse zu schaffen, scheiterten stets nach recht kurzer Dauer (1873, 1876, 1886, 1897 bis 1901). Von Bestand war endlich der Verband schweizerischer Zündholzfabrikanten (1906), der allerdings nur die Berufsinteressen wahrte, eine Einschränkung der Produktion und eine Regelung der Preise dagegen nicht zustande brachte. 1913 verbanden sich die vier Schiebschachtelfabriken Nyon, Kanderbrück, Fleurier und Wimmis in einem Abkommen, und ihrem Beispiel folgten ein Jahr später die Fabriken geschwefelter Hölzer. Da der Erste Weltkrieg gute Absatzverhältnisse brachte (Ausfuhr nach Frankreich), lohnte sich eine Unterbietung nicht.

Aber 1924 gingen die Preisübereinkünfte wieder in die Brüche. 1925 sank die Ausfuhr auf den Stand von 1906, was auf die gewaltige Konkurrenz des schwedisch-amerikanischen Trusts zurückzuführen war (Trust ist das englische Wort für einen Verband von Grossunternehmungen.). In Schweden, das in der Zündholzindustrie allen andern Ländern weit voraus war (schon in den Siebzigerjahren wurde dort eine Komplettmaschine benützt), hatten sich die grössten Fabriken schon früh in mächtigen Verbänden zusammengeschlossen. 1917 erfolgte ihre Verbindung mit amerikanischen Gesellschaften, so dass eine mächtige Weltorganisation entstand, die den grössten Teil der Weltproduktion Zündhölzchen unter ihren Einfluss brachte. Der Trust kaufte nacheinander die Betriebe von Nyon, Fleurier und Wimmis. Die Zumsteinsche Fabrik in Wimmis gründete mit der Diamond AG und der schwedischen Holdinggesellschaft Jönkoping Cie. in Nyon eine zentrale Verkaufstelle, die Etincelles AG, wobei der Trust die Aktienmehrheit übernahm.

Zuendholz_Komplettmaschine
Zündholz-Komplettmaschine der J. H. Moser AG, nach dem ersten Weltkrieg konstruiert durch Jakob Brügger, Frutigen. Leistung: 500'000 Zündhölzer pro Stunde. Im Einsatz bis zur Liquidation des Betriebes im 1964 und heute wieder bei der Diamond SA in Nyon für Spezialzündhölzer.

Dies führte natürlich zum Verfall des Preisübereinkommens und gab das Zeichen zu einem erbitterten Preiskampf. Die Kiste Schiebschachteln sank von Fr. 23.— auf Fr. 12.—, so dass die Frutiger Fabriken jahrelang Fr. 4.— bis 5.— darauflegen mussten. Die kleinen Betriebe gingen ein, und auch die letzten drei grösseren in Wengi, Kanderbrück und Zrydsbrügg streckten bis 1927 ihre Waffen, als ihnen eine wirksame Hilfe durch die zuständigen Bundesbehörden versagt blieb. Der Schwedentrust entschädigte die kleinen Fabriken und versicherte sich durch eine Dienstbarkeit auf der Liegenschaft, dass nicht mehr fabriziert werde. Nachdem er die Aktienmehrheit aller Fabriken besass, schritt er zur Stilllegung weiterer Betriebe, so dass eine grosse Zahl von Arbeitskräften brotlos wurde. 1938 arbeiteten für den Trust nur Nyon und Kanderbrück, das ungefähr 60 Personen beschäftigte, während es im Ersten Weltkrieg 180 Arbeitskräfte benötigte. 1964 stellte die Fabrik in Kanderbrück ihren Betrieb ein und wurde mit der zur Holding gehörenden Fabrik in Nyon zusammengelegt. Etwas länger hielt sich die 1928 gegründete Zündwarenfabrik Kandergrund AG, die wie die andern trustfreien Fabriken Genf, Unterterzen, Rapperswil, Zollikofen und Locarno gegen die Übermacht des schwedisch-amerikanischen Trusts ankämpfte.

Das Unternehmen Gehring beschäftigte in den Fabriken in Kandergrund und beim Schwimmbad Frutigen zeitweise um 70 Arbeiter und 10 Angestellte. Die Jahresproduktion an «Barri», «Tourist»-Zündhölzchen und bengalischem Feuerwerk betrug zwischen 1,7—2,8 Mio. Paketen. Etwa 50 Arbeiter und Angestellte arbeiteten bis zur Schliessung am 1. August 1972 in der Fabrik. Die Terza Zündholz AG übernahm 1972 den Betrieb beim Schwimmbad Frutigen und stellte dort pyrotechnische Produkte her. 1973 ging der Betrieb an Swedish Match (Suisse) SA über und Peter Willen wurde 1974 Betriebsleiter. 1991 kaufte Peter Willen den Betrieb und produziert bis heute (2015) unter dem Namen Pyrotechnik Willen Bengalhölzer, Wunderkerzen und weitere Pyrotechnische Materialien.

Frutigen, das einstige Zentrum der schweizerischen Zündholzfabrikation, produziert heute keine «normalen» Zündhölzer mehr. Aus der Heimarbeit des «Trücklens» für die Zündholzfabriken hat sich die Frutiger Holzspanindustrie entwickelt und einige Jahre über Wasser gehalten. Näheres dazu ist unter dem Thema «Holzspanindustrie» zu lesen.

Kinderarbeit in der Zündhölzchenfabrik

Samuel Scherz* schildert in seinem Büchlein «Lebenserinnerungen im Alter von 86 Jahren» seine Erlebnisse in der Zündhölzchenfabrik Reichenbach. Ein Exemplar befindet sich im Archiv der Kulturgutstiftung Frutigland im Nachlass Hans Wandfluh.


Samuel_Scherz_1842_1932

«Nahe dem Dorfe Reichenbach wurde 1858 eine Zündhölzchenfabrik errichtet, in der auch Kinder sich durch flinke Arbeit etwas verdienen konnten. Mein jüngerer Bruder und ich gingen auch in diese Fabrik; im Winter von sechs bis halb neun Uhr und von zwei bis halb sieben Uhr waren wir an der Arbeit, wobei jeder pro Woche blanke zwei Franken verdiente. Manchmal gab es aber eine arge Hetze den Berg hinauf (nach Scharnachtal), um nicht zu spät zur Schule zu kommen, deren Beginn auf neun Uhr festgesetzt war. Ein Fabrikgesetz bestand damals noch nicht, daher auch wenig Schutzvorrichtungen, wohl aber Bussen und Lohnabzüge aller Art. Wenn ich die kochende Phosphormasse im Freien rührte, stiegen derart giftige Dämpfe in die Höhe, dass Käfer, Bremsfliegen und anderes Getier davon tot aus der Luft herabfielen. Eine solche gesundheitsschädliche, schlechtbezahlte Arbeit bei demoralisierender Behandlung war schon geeignet, die denkende Jugend zu veranlassen, sich Rechenschaft zu geben, wie solche elende Arbeitsbedingungen möglichst rasch zu beseitigen wären. Es ist begreiflich, dass das Eidgenössische Fabrikgesetz 1877 in der Volksabstimmung zur Annahme gelangt.»

* Samuel Scherz wurde am 3. September 1842 in Worblaufen geboren. 1851 zog die Wittwe mit ihren acht Kindern in ihre Heimatgemeinde Reichenbach nach Scharnachtal in ein schäbiges Häuschen. Vielleicht prägte die Arbeit in der Fabrik den jungen Samuel Scherz derart, dass er sich das Leben lang sozial engagierte. So arbeitete er 1869-1912 als Beamter der städt. Armenverwaltung in Bern als Sekretär, Kassier und Armeninspektor. 1898-1910 und 1912-30 war er SP-Grossrat und 1914-21 SP-Stadtrat. Scherz war auch als Gewerkschafter aktiv und gehörte u.a. zu den Gründern der Gesellschaft für billige Wohnungen, die er 1877-1927 präsidierte. Er starb 1932.

Das Schweizerische Zündholzmuseum


Die Mitarbeiter des Museums haben eingehend über die Zündholzbetriebe im Frutigland recherchiert und das Ergebnis auf ihrer Homepage dargestellt.