Persönliche Erinnerungen

Erinnerungen an Maria Lauber von Urs Küffer*, erschienen in den Mitteilungen 3/4-2006 des Sprachkreis Deutsch der Bubenberg Gesellschaft Bern.

Maria Lauber. Ein Name, der im Berner Oberland, vorab in Frutigen, wieder vermehrt beachtet wird. Mehrere Tonträger mit Werken der Frutiger Ehrenbürgerin sind in den letzten Jahren erschienen, besprochen von Luise Schranz‑Hari aus Achseten. Die Archivierung des literarischen Nachlasses der langjährigen Lehrerin von Kien wird im Rahmen der Kulturgutstiftung Frutigland aktualisiert. Damit wird die Aufbauarbeit eines Jakob Aellig (Adelboden) und eines Erich Blatter (Universität Bern) fortgesetzt. Der Grabstein der 1973 verstorbenen Dichterin wird demnächst zur Kirche hin verlegt und erhalten.

Hier soll nun nicht das Werk ins Zentrum gerückt werden, es soll mit einem persönlichen Bild an den Menschen Maria Lauber erinnert werden. «Si isch e chly e stolzi gsy!», sagte mir, dem Grossneffen und Patenkind von Maria Lauber, kürzlich eine Frau, als wir auf die Dichterin zu sprechen kamen. Ich erschrak. Derartigen Urteilen über eine distanzierte Maria Lauber war ich zwar schon früher begegnet, aber nie in dieser direkten Form. Ich begann meine Erinnerungen zu prüfen. Mehrere Szenen und Bilder tauchten auf. Sie wiesen auf eine andere Seite der Maria Lauber. Ein Bild hat sich mir besonders eingeprägt: Winklen. Eine kleine dunkle Stube. Maria Lauber, die in Frutigen eine Stellvertretung übernommen hat, sitzt mir gegenüber. Sie scheint müde, ja erschöpft.

Das Schulehalten fällt ihr zunehmend schwer. Ein Burnout, wie man heute sagen würde, hat sie, die engagierte Lehrerin, zur vorzeitigen Pensionierung gezwungen. Jetzt reicht die Kraft nur noch für kurze Einsätze als Stellvertreterin. Im Augenblick wirkt ihre Gestalt klein, wie in sich eingebrochen, so, als wünschte ihr Körper, zu jener Gestalt zurückzukehren, die ihm als Kind eigen gewesen war. Kindsein, das war jener Zustand, in den sich Maria Lauber so oft zurücksehnte. Das zeigt sich in ihrer autobiographischen Erzählung «Chüngold». Der Wunsch nach Geborgenheit, Liebe, Zuversicht. Der Wunsch, ganz im Augenblick leben zu können, sich an kleinen Dingen ‑ der Natur, des häuslichen Alltags ‑ zu erfreuen . Der Wunsch, sich friedlichen Träumen zu ergeben, ohne die «Engschte» ‑ Einsamkeit, Sündenvorwürfe, Gedanken an Krankheit und Tod ‑, welche sie als Erwachsene so oft heimsuchen sollten.

Plötzlich aber verändert sich ihre Gestalt, ihr Gesicht. Ihr eingesunkener Körper scheint zu wachsen, ihr Gesicht wird hell und freundlich. Wach und klar blicken Ihre Augen. Ihre warme Stimme füllt den Raum, ihre Hände heben und senken sich sanft, begleiten ihre Erzählung. Sie erzählt mir die Sage von der Rengglialp. Was ich noch erinnere: Im Mittelpunkt stehen eine Alp, ein Sturm, ein Vater, der flucht und verflucht, und zwei Liebende. Der Liebhaber, ein Senn, stürzt in einen Abgrund, seinem Vieh nach, das in Panik geraten ist; die liebende Frau bleibt zerrüttet zurück, allein mit dem Fluch ihres Vaters.

Vieles ist in dieser Erzählung versammelt, was Maria Lauber bewegte. Die massgebende Bedeutung der Vergangenheit; die Schicksalshaftigkeit der Familie; Grösse und Schrecken der Bergwelt. Darin eingebettet die letzten Dinge unseres Menschseins: Geburt, Liebe, Leid und Tod. Sie schaut mich aufmerksam an, eine weisshaarige Frau, die über so viele existenzielle Dinge Bescheid weiss, ohne besserwisserisch zu sein. Eine fesselnde Erzählerin in mündlichem Wort und Schrift.

«E stolzi Frou?» Oder eher eine, die ihr verletzliches Inneres schützen musste vor den zunehmend hektischen Zugriffen der Moderne. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, gewiss, aber stets respektvoll gegenüber anderen Menschen. Und demütig einer Macht gegenüber, die grösser ist als wir Menschen. Das Berner Oberland, denke ich, darf stolz sein auf eine ihrer bedeutendsten Schriftstellerinnen ‑ und auf einen feinfühligen Menschen, der sich manchmal hinter einer rauhen Schale verbarg.

*Urs Küffer, 1942 in Bern geboren, lebt seit 1980 in Merzligen bei Biel; zuerst als Primarlehrer tätig, nach einem Universitätsstudium Erziehungsberater in Bern, dann Seminarlehrer für Psychologie und Pädagogik in Biel, zuletzt Dozent für allgemeine Pädagogik an der Universität Bern. Seit 1997 Titularprofessor, seit 2002 emeritiert. Patenkind und Grossneffe von Maria Lauber.

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